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Epstein Files: Ein Bild ist noch lange kein Beweis

  • Autorenbild: FactJack Redaktion
    FactJack Redaktion
  • 10. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Zwei rohe Geflügeltiere und zwischen ihnen etwas, das als „Kinderfuß“ interpretiert werden kann? In den sozialen Netzwerken kursiert derzeit genau ein solches Bild. Es soll mit den kürzlich vollständig veröffentlichten Epstein Files in Verbindung stehen. 


Ein Bild in den Epstein Akten sorgt für Furore. (c) Design: FactJack, Elemente Canva
Ein Bild in den Epstein Akten sorgt für Furore. (c) Design: FactJack, Elemente Canva

Das Motiv, das im Internet die Runde macht, ist teilweise geschwärzt, sodass sich in den Diskussionsforen die Spekulationen überwerfen. Behauptet wird, dass dieses Foto vermeintliche Kontakte zwischen Jeffrey Epstein und Kindern beweise und ein Indiz für grausame Handlungen seinerseits sei. 


Die Faktenlage: 


Ist das Bild echt? Ja, und es wurde vom Urheber verändert.

Sucht man das Bild per Rückwärtssuche, dann findet man schnell das ungeschwärzte Original. Tatsächlich ist es das Kunstwerk des deutschen Künstlers Harald Seiwert aus dem Jahr 2003. Er hat das ursprüngliche Foto geschossen und im Rahmen eines Kunstprojekts grafisch verändert. Es ist Teil einer homo-erotischen Kunstserie. Das im Internet kursierende Bild wurde von den Behörden geschwärzt. Das Wasserzeichen wurde jedoch nachträglich entfernt und von einigen u.a. russischen Accounts gepostet, die von den Gerüchten rund um die amerikanische Prominenz profitieren.

Zensierte Version der Fotomontage "ChickenMan" von Harald Seiwert (c) Design: FactJack, Elemente Canva
Zensierte Version der Fotomontage "ChickenMan" von Harald Seiwert (c) Design: FactJack, Elemente Canva

Auf dem Originalbild sind zwei rohe Hühner auf einem Küchenbrett zu sehen. Zwischen ihnen ein Mann, der auf dem Rücken liegt und der mit seiner Pose den Vögeln neben sich ähnelt. Es zeigt einen erwachsenen Menschen, der genauso entwertet wie die Tiere neben ihm dargestellt wird.


Ist das Bild Teil der unlängst veröffentlichten Files? Ja.

Die Akten umfassen Millionen von Seiten an Dokumenten, Bildern und Dateien aus unterschiedlichen Kontexten. Viele davon ohne weitere Informationen wie Datum, Ort oder Hintergrund. Das in Verruf geratene Bild wurde zusammen mit anderen beliebigen Bildern auf Epsteins Google Drive Account gefunden. Das Originalbild existiert allerdings schon seit über zwanzig Jahren. Seit 2009 ist es öffentlich auf der Foto- und Video-Hosting-Website Flickr unter dem Titel „ChickenMan” zu finden. Seither wurde es oft zum Objekt scherzhafter Vergleiche und beispielsweise unter dem Aufruf „Spot the wrong turkey" lächerlich gemacht.


Originale Fotomontage "ChickenMan" von Harald Seiwert (c) Design: FactJack, Elemente Canva
Originale Fotomontage "ChickenMan" von Harald Seiwert (c) Design: FactJack, Elemente Canva

Inzwischen ist der Link aus dem Datensatz des US Departments of Justice entfernt worden. Im Datenarchiv der kollaborativen Forschungsplattform “Epsteinwiki” ist das Bild jedoch weiterhin vorhanden. Die Akten wurden dort unmittelbar nach deren Veröffentlichung gespeichert. Unter der Aktenzahl EFTA01645970, Seite 63 ist das Kunstbild von Harald Seiwert zu finden.

INFO: Was ist EpsteinWiki 

EpsteinWiki fasst das veröffentlichte Material rund um den Fall Epstein in einem zentralen Forschungsarchiv zusammen. Dort werden sämtliche überprüfbare Quellen wie Gerichtsakten, eidesstattliche Aussagen und Strafverfolgungsunterlagen dokumentiert. Das Ziel ist, alle verfügbaren Dokumente zu organisieren und sinnhaft miteinander zu verknüpfen. Damit soll eine globale Gemeinschaft von Forschern dazu befähigt werden, das gesamte Ausmaß des Netzwerks von Jeffrey Epstein aufzudecken. 


Hatten Seiwert und Epstein kontakt? Wahrscheinlich nicht.

In den unlängst veröffentlichten Akten wird Seiwert nicht namentlich erwähnt. Ebenso wenig ist von seinen Kunstwerken die Rede. Aus diesem Grund ist es sehr unwahrscheinlich, dass Harald Seiwert einen persönlichen Kontakt zu Epstein pflegte und in dessen illegale Machenschaften involviert war. Zudem distanziert er sich in einem öffentlichen Statement von Epstein.

Harald Seiwert distanziert sich von den Behauptungen und äußert sich persönlich auf Instagram Threads wie folgt: 


“I can assure you that the image is "just terrible art", because I am the author of that old photo collage which now goes viral for the second time in more than 20 years. Though for a very wrong reason” … “It was also part of a campaign against animal cruelty by the Italian Vegetarian Association.”...”I don't have the slightest idea how that old photo montage made it into those files. It's kind of creepy anyway.” 

Viel Aufregung, wenig dahinter

Das Bild ist weder real, noch wurde es in seiner originalen Form in Umlauf gebracht. Teile davon wurden bewusst geschwärzt, das Copywrite wurde entfernt. All das nur, um die Betrachter in die Irre zu führen. Im Netz kursieren aber immer wieder Postings von Fotos, die mit den Epstein Files zu tun haben sollen und die dann als neue Beweismittel in Verschwörungstheorien aufgeblasen werden.


Umso wichtiger ist es, klarzustellen, dass die bloße Erwähnung eines Namens oder das Auftauchen eines Bildes in den Dokumenten Epsteins nicht automatisch auch eine Täterschaft, eine Beteiligung an Verbrechen oder auch nur eine enge persönliche Beziehung zu Epstein bedeutet. Deswegen ist auch die gelegentliche Erwähnung von Personen in E-Mails noch kein Beweis dafür, dass diese in irgendeinem Bezug zu Epsteins Taten stehen. Weder das US Department of Justice noch seriöse Medien werten diese bloßen Nennungen als Beweis für schuldhaftes Verhalten. 


Der Fall des umstrittenen Fotos aus den Epstein Files zeigt exemplarisch, wie leicht aus einer blassen Andeutung im Datenmaterial eine spekulative oder falsche Geschichte entstehen kann. Es zeigt auch das Versagen der Justizbehörden, konsequenten Opferschutz zu gewährleisten. Durch mangelhafte Anonymisierung, voreilige Aktenveröffentlichungen und eine Priorisierung institutioneller Interessen über die Sicherheit der Betroffenen entstehen immer wieder neue Gerüchte, die es auch den Opfern erschweren, die Vergangenheit zu bewältigen.


FactJack/PM


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